Peter Marzen

Geboren 23. August 1883
Gestorben 3. Juli 1936
Beruf Kinobetreiber & Filmrezitator; später Eigentümer einer Filmverleihfirma
Ort Trier; später auch Mayen und Saarbrücken

Peter Marzen wurde am 23. August 1883 in Trier geboren und wuchs in einer Familie auf, die früh mit den technischen und unternehmerischen Möglichkeiten der neuen audiovisuellen Medien in Berührung kam 1 2. Sein Vater Wendel Marzen, der ursprünglich aus einer Metzgerfamilie stammte, versuchte sich bereits in den 1890er Jahren erfolgreich im Schausteller- und Jahrmarktsgewerbe und erwarb spätestens 1895 einen Phonographen, den er der Bevölkerung im Raum Trier vorführte 3. Diese frühe Beschäftigung mit Ton- und später Bildaufzeichnung legte den Grundstein für die filmische Tätigkeit der gesamten Familie Marzen.

Im Jahr 1897 brachte Wendel Marzen einen sehr primitiven Filmapparat sowie mehrere kurze Filme aus Paris mit nach Trier, wo im katholischen Vereinshaus Treviris die erste Filmvorführung der Familie stattfand 1 2. Nach dieser Uraufführung begann eine Phase intensiver Reisetätigkeit, in der die Marzens mit ihrem Wanderkino zahlreiche Städte in der Region bereisten 1 3. Innerhalb dieses Familienunternehmens nahm Peter Marzen früh eine besondere Rolle ein: Während Vater Wendel die organisatorische Leitung innehatte und Bruder Hubert Kamera und Projektor bediente, stand Peter neben der Leinwand und erklärte dem Publikum die gezeigten Filme 1 3 4 5.

Das Wanderkino der Familie Marzen entwickelte sich zunehmend zu einem stabilen Geschäftsmodell. Einen zentralen Erfolgsfaktor bildeten dabei die Trierer Lokalaufnahmen von Prozessionen, Umzügen und Alltagsszenen, die kurz nach ihrer Entstehung gezeigt wurden und das Publikum anzogen, weil viele Zuschauer sich selbst oder Bekannte auf der Leinwand wiedererkannten 4 6 7.

Peter Marzen profilierte sich in dieser Phase zunehmend als charismatischer Filmerklärer und wurde selbst zu einer Attraktion der Vorführungen 1 2 5. Er nutzte dabei bewusst den Trierer Dialekt und ergänzte die Bilder mit Geräuschen, Musik und verbalen Effekten, um die Illusion des „lebenden Bildes“ zu steigern 3 8 9. Diese Praxis verschaffte Marzen einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der lokalen Konkurrenz 5.

Der Übergang vom Wanderkino zum ortsfesten Kinobetrieb erfolgte im Jahr 1909, als die Familie Marzen den Kinematographen im Central-Theater in der Brotstraße 36 übernahm 2 4 8. Zunächst zeichnete Vater Wendel offiziell für die Direktion verantwortlich, doch bereits ab Sommer 1909 lag die tatsächliche Geschäftsführung zunehmend bei Peter Marzen 4 8. Infolge innerfamiliärer Konflikte übernahm er schließlich allein die Leitung und firmierte das Haus als „Trierisches Lichtspielhaus“ 1 4.

Trotz wachsender Konkurrenz durch andere Kinobetreiber wie Peter Gitsels oder die Reichshallen-Lichtspiele gelang es Peter Marzen, sich in Trier dauerhaft zu etablieren 1 8 10. Einen Höhepunkt seiner unternehmerischen Tätigkeit markierte die Eröffnung der Germania-Lichtspiele am 28. November 1913, die mit rund 500 Sitzplätzen das größte und modernste Kino der Stadt darstellten 1 2 4. Die Eröffnung war ein gesellschaftliches Großereignis, an dem Vertreter aus Militär, Verwaltung, Kirche und Bürgertum teilnahmen, und unterstrich Marzens Stellung als führender Kinobetreiber der Stadt 1 11.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 veränderten sich die Rahmenbedingungen des Kinobetriebs 11. Peter Marzen passte sein Programm diesen Umständen an und setzte in den Germania-Lichtspielen gezielt auf patriotische und militärische Filme, die das gewünschte heroische Bild des Krieges vermittelten 1 11. Zugleich unterstützte er den Boykott französischer und englischer Filme und zeigte ausschließlich Produktionen aus deutschen, italienischen und skandinavischen Studios 11.

1916 gelang es Peter Marzen, auch das letzte konkurrierende Kino der Stadt, die Reichshallen-Lichtspiele, zu übernehmen 2 4 12. Dann vereinigte er die beiden großen Trierer Kinos – die Reichshallen und das Germania – unter dem Namen „Vereinigte Trierer Lichtspiele“ und erlangte faktisch ein Kinomonopol 2 11 12.

In den 1920er Jahren geriet Marzen erneut unter Druck, insbesondere durch Mietkonflikte mit den Eigentümern der Kinogebäude. 1926 und 1927 wurde er sowohl aus den Reichshallen als auch aus den Germania-Lichtspielen ausgemietet, was das Ende seiner Trierer Kinotätigkeit bedeutete 1 2 12. Versuche, ein neues Kino in Trier zu eröffnen, scheiterten, und ein kurzzeitiges Engagement in Mayen blieb wirtschaftlich erfolglos 1 2 12.

1928 ließ sich Peter Marzen in Saarbrücken nieder, wo er eine Filmverleihfirma gründete und unter anderem für das Deutsche Lichtspiel-Syndikat tätig war 1 2 12. Über sein späteres Leben ist nur wenig bekannt. Am 3. Juli 1936 wurde sein Tod bekannt gegeben. 13.

Literaturverzeichnis

+

[1]: Marzen, P. (1933). Aus dem Leben eines rheinischen Filmpioniers: Eine Erinnerungsgabe zum fünfzigsten Geburtstag Peter Marzens und seiner 35-jährigen Zugehörigkeit zur Filmindustrie. Privatdruck [Biografische Festschrift].

[2]: Kremer, C. (2009, 27. März). Peter Marzen: Eine Trierer Kinolegende. Trierischer Volksfreund. https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/peter-marzen-eine-trierer-kinolegende_aid-5685757.

[3]: Braun, B., & Jung, U. (2005). Local Films from Trier, Luxembourg and Metz: A Successful Business Venture of the Marzen Family, Cinema Owners. Film History, 17(1), 19–28. http://www.jstor.org/stable/3815466.

[4]: Hoppe, K., Loiperdinger, M., & Wollscheid, J. (2000). Trierer Lokalaufnahmen der Filmpioniere Marzen. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Eds.), Lokale Kinogeschichten (KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, S. 14–37). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15939.

[5]: Braun, B., & Eifler, K. (2002). Kommt all heirönn zum Marzens Pitt: Kinoerlebnisse mit dem Filmerklärer Peter Marzen. Neues Trierisches Jahrbuch, 42, 173–186.

[6]: Trierischer Volksfreund. (2012, 7. Februar). Ein Stück Geschichte auf 35 Millimetern. https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/ein-stueck-geschichte-auf-35-millimetern_aid-6385983.

[7]: Loiperdinger, M. (2008). Akzente des Lokalen im frühen Kino am Beispiel Trier. In C. Müller & H. Segeberg (Eds.), Kinoöffentlichkeit (1895–1920): Entstehung, Etablierung, Differenzierung / Cinema’s public sphere – emergence, settlement, differentiation (1895–1929) (pp. 236–246). Schüren.

[8]: Herzig, M., & Loiperdinger, M. (2000). „Vom Guten das Beste“ – Kinematographenkonkurrenz in Trier. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Hrsg.), Lokale Kinogeschichten (KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, S. 38–51). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15940.

[9]: Braun, B. (2005). Lokalaufnahmen der Familie Marzen in Trier. In U. Jung & M. Loiperdinger (Eds.), Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland (Bd. 1: Kaiserreich 1895–1918, pp. 197–203). Philipp Reclam jun. https://mediarep.org/server/api/core/bitstreams/ab44eb55-e53c-4eb6-9248-02ed6a799a8d/content#page=198.

[10]: Duckwitz, A., Loiperdinger, M., & Theisen, S. (2000). Kampf dem Schundfilm! Kinoreform und Jugendschutz in Trier. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Eds.), Lokale Kinogeschichten (KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, pp. 52–63). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15941.

[11]: Braun, B. (2002). Patriotisches Kino im Krieg: Beobachtungen in der Garnisonsstadt Trier. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Eds.), Kinematographen-Programme (KINtop, Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 11, pp. 100–121). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15981 https://doi.org/10.25969/mediarep/15981.

[12]: F Conen, S. (2002). Trier im frühen Kino: Eine filmische Zeitreise. Trier: Trier Medienwissenschaft, Universität Trier.

[13]: Peter Marzen. (1936, 3. Juli). Luxemburger Wort, 89(185), 8. https://persist.lu/ark:70795/k60cf2g0g/pages/8/articles/DTL418.