Parade-Theater

Öffnungsjahre 1907 – 1910
Adresse Neustraße 3
Ort Trier
Betreiber Peter Gitsels

Gründung

Das Parade-Theater wurde am 27. Oktober 1907 in der Neustraße 3 eröffnet 1. Unter der Leitung von Peter Gitsels, der dazu ein gleichnamiges Kino in Koblenz betrieb 1, etablierte sich das Parade-Theater als bedeutsamer Akteur im Trierer Kinomarkt.

Programmstrategie

Von Anfang an bot Gitsels dem Trierer Publikum ein vielfältiges Programm aus Dramen, Komödien, Naturaufnahmen und Tonbildern 2. Zwischen 1907 und 1910 präsentierte das Parade-Theater knapp über 2000 verschiedene Filmtitel 2.

Das Parade-Theater war mit einer Synchronvorrichtung ausgestattet und zeigte regelmäßig Tonbilder 2. Die nicht-fiktionalen Filmnummern setzten sich überwiegend aus Reisebildern zusammen, denen Industrie-, Militär- und Sportaufnahmen folgten 2. Aktualitätsfilme – etwa zu kaiserlichen Auftritten oder Katastrophenereignissen – waren dagegen nur selten Teil des Programms 2. Manche nicht-fiktionale Filme wurden auch koloriert vorgeführt, insbesondere exotische Reise- und Blumenaufnahmen 2.

Der Wettbewerb mit Peter Marzen

Mit der Übernahme des Central-Theaters durch Peter Marzen entstand ein intensiver Wettbewerb um die Gunst des Trierer Publikums 1. Der Konkurrenzkampf zwischen Gitsels und Marzen war geprägt von Gitsels Bemühungen, Marzens wachsenden Einfluss auf den Trierer Kinomark zu brechen 3.

Dafür nahm er in Einsatz unterschiedliche Strategien. So investierte Gitsels massiv in Werbung in der lokalen Presse, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen 1. Gitsels’ Anzeigen waren auffällig und nahmen oft die ganze Länge einer Zeitungsseite ein, da in der Regel alle 10 bis 16 Filmnummern seines Programms aufgeführt und mit detaillierten werbenden Kommentaren versehen wurden 1. Das ursprüngliche Logo des Parade-Theaters, das an die Wanderkinematographen der Jahrmärkte erinnerte und die Figur eines Ausrufers zeigte, wurde im Mai 1909 von Gitsels durch auffällige, großformatige und fett gesetzte Schriftzüge ersetzt, die in den Anzeigenseiten des Trierischen Volksfreunds unübersehbar waren 1.

Nach Marzens Umstellung auf einen zweimaligen Programmwechsel pro Woche reagierte Gitsels durch Erweiterung seines bereits umfangreichen Wochenprogramms 1. Während er im September und Oktober 1909 noch 13 oder 14 Filmnummern bot, erhöhte er diesen Umfang im Januar und Februar 1910 auf 16 oder 17 Nummern pro Woche 1. Mit dieser Strategie gelang es Gitsels, den einmaligen wöchentlichen Programmwechsel noch dreieinhalb Monate lang beizubehalten 1. Mitte März 1910 führte aber auch er „auf allgemeinen Wunsch“ den zweimaligen Programmwechsel am Dienstag und Samstag ein 1. Um die dadurch gestiegenen Kosten zu kompensieren, kürzte er das Programm stillschweigend um ein Drittel: Anstelle von 15 Filmnummern wurden ab März 1910 bei gleichem Eintrittspreis nur noch 10 gezeigt 1. Dementsprechend wurden auch die Anzeigen in der Presse nun schlichter und raumsparender gestaltet 1.

Im Gegensatz zu Marzens Konzept der künstlerischen Filmerklärung setzte Gitsels auf eine musikalische Begleitung der Filme 1. Trotz der damit verbundenen hohen Kosten wurden die Vorführungen von einem erstklassigen Pianisten begleitet 1. Auf erläuternde Kommentare wurde im Parade-Theater weitgehend verzichtet; stattdessen boten Programmhinweise Unterstützung bei der Identifikation von Personen in Aktualitätenfilmen 1.

Mit Lokalaufnahmen konnte Gitsels nicht gegen Marzen konkurrieren 1. Er versuchte, einen aufwendigen Film herstellen zu lassen, der seine beiden Parade-Theater miteinander verband: Eine Moseltour von Trier bis Koblenz mit 30 Motiven – vom Trierer Marktplatz über verschiedene Moselorte bis zum Standbild von Kaiser Wilhelm I. am Deutschen Eck 1. Doch diese ambitionierte Lokalaufnahme blieb ein einmaliges Ereignis und lief, wie alle anderen Filme, nicht länger als eine Woche im Programm 1.

Ab September 1910 etablierte Gitsels mit dem Abonnement des Pathé Journal, der weltweit führenden Wochenschau, eine dauerhafte Besonderheit im Programm des Parade-Theaters 1. Die deutsche Ausgabe wurde als „Optische Berichterstattung des Parade-Theaters“ angekündigt – eine Formulierung, die an das Repertoire gehobener Varieté-Theater erinnerte und zugleich auf eine bewusste Nobilitierung gegenüber Marzens Programm abzielte 1.

Der Rechtsstreit zwischen Gitsels und Marzen

Der Wettbewerb zwischen Gitsels und Marzen verschärfte sich zu einem Rechtsstreit. Gitsels verklagte Marzen wegen „unlauteren Wettbewerbs“, da dieser sein Kino als „Theater der lebenden, singenden, sprechenden und musikmachenden Lichtbilder“ präsentiert hatte, ohne über eine Tonbildanlage zu verfügen 3. Nach Gitsels Ansicht täuschte Marzen damit das Publikum. Doch dieser Vorwurf erwies sich als unbegründet: Eine Gruppe von Sachverständigen, die nach Trier gereist war, war von Marzens geschicktem Einsatz des Phonographen derart begeistert, dass sie keine Publikumstäuschung feststellte 3.

Parallel dazu verurteilte das Schöffengericht Marzen 1909 wegen grober Beleidigung Gitsels zu einer Geldstrafe und verpflichtete ihn, das Urteil auf eigene Kosten im „Trierer Volksfreund“ zu veröffentlichen 4. Die gegen dieses Urteil eingelegte Berufung wurde verworfen, da Marzen nicht zum Verhandlungstermin erschien 5.

Schließung

Langfristig konnte Gitsels nicht gegen Marzen innovatives Geschäftskonzept konkurrieren und 1910 schloss er sein Kino 3. Peter Marzen gelang es hingegen, ab 1916 in Trier mit zwei Kinos eine Monopolstellung zu etablieren und diese während des Ersten Weltkriegs erfolgreich aufrechtzuerhalten 2.

Literaturverzeichnis

+

[1]: Herzig, M., & Loiperdinger, M. (2000). „Vom Guten das Beste“ – Kinematographenkonkurrenz in Trier. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Hrsg.), Lokale Kinogeschichten (KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, S. 39–40). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15940.

[2]: Jung, U., Loiperdinger, M. (Hrsg.). (2005). Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co.

[3]: Braun, B., Jung, U. (2005). Local Films from Trier, Luxembourg and Metz: A Successful Business Venture of the Marzen Family, Cinema Owners. Film History, 17(1). https://doi.org/10.1353/fih.2005.0001.

[4]: Der Kinematograph (1909, Oktober). Gerichtssaal. № 147. S. 55. https://mediahistoryproject.org/reader.php?id=kinematograph03-1909-10 [Zugriff: 02.11.2025].

[5]: Der Kinematograph (1909, Oktober). Gerichtssaal. № 148. S. 74. https://mediahistoryproject.org/reader.php?id=kinematograph03-1909-10 [Zugriff: 02.11.2025].

Bildlizenzen

+

[1]: Quelle: Privatsammlung Kotschka

[2]: Privatfoto: Arina Singatulina

[3]: Privatfoto: Arina Singatulina