Central-Theater (Trierisches Lichtspielhaus)

Öffnungsjahre 1908 – 1914
Adresse Brotstraße 36
Ort Trier
Betreiber Wendel Marzen, später Peter Marzen

Gründung und Anfangsjahre

Das Central-Theater wurde im November 1908 im Adlerhaus in der Brotstraße 36 eröffnet 1. Das Lichtspielhaus trug zunächst den beschreibenden Namen „Centraltheater lebender Photographien“ 1 und markierte den Beginn einer neuen Ära des Filmwesens in Trier.

Der anfängliche Anzeigenkopf lautete „Marzen’s beliebter Salon-Kinematograf Edisons elektrisches Theater im Central-Saal an der Brodstrasse“, und lehnte sich damit an die früheren Erfolge eines gleichnamigen Wanderkinematographen der Familie Marzen an 3. Doch bereits ab Juni 1909 zeigten sich erste Konflikte zwischen dem Vater Wendel und dem Sohn Peter Marzen 2. Die Inserate wurden ab diesem Zeitpunkt nicht mehr persönlich mit „Direktion Wendel Marzen“ gezeichnet, sondern neutral mit „Direktion Marzen“ 2. Im Februar 1910 erschien erstmals der Vermerk „Direktion Peter Marzen“, und anschließend mit der Einführung eines festen Firmenlogos im Juni 1910 – eine modern anmutende Grafik des Planeten Saturn – stand im Anzeigenkopf: „Handelsgerichtlich eingetragene Firma. Inhaber und Besitzer: Peter Marzen“ 2 Im November 1911 erfolgte die Umbenennung des Central-Theaters in Trierisches Lichtspielhaus, als dessen einziger Inhaber Peter Marzen endgültig eingetragen wurde 2.

Marzen gegen Gitsels: Wettbewerb um das Publikum

Mit der Übernahme des Central-Theaters trat Peter Marzen in einen harten Wettkampf mit dem etablierten Parade-Theater unter Peter Gitsels ein 3. Marzen setzt Gitsels von Anfang an unter Druck. So kündigte er bereits in den ersten Eröffnungsanzeigen eine grundsätzliche Neuerung an: „Da wir mit den größten Firmen von Paris, London und Amerika in Verbindung stehen und nicht von einer einzelnen Firma abhängig sind, so sind wir in der Lage, in der Woche das Programm zweimal zu wechseln“ 3. Direkt danach erhöhte aber Gitsels den Umfang seines Wochenprogramms um drei Nummern 3.

Obwohl das Central-Theater damit weiterhin deutlich weniger Filmnummern als das Konkurrenzlichtspielhaus zeigte, konnte Marzen dennoch denselben Eintrittspreis verlangen 3. Dies war durch ein exklusives Element möglich: Peter Marzen fungierte selbst als versierter Filmerklärer 3. Während der Filmprojektion erläuterte und kommentierte er die gezeigten Filmnummern täglich von 15 bis 22.30 Uhr live für das Publikum 3. Durch die Verwendung des trierischen Dialektes wusste er sich auf das lokale Publikum gut einzustellen 3. Nach eigenen Aussagen gelang es Marzen mit seinen Filmerklärungen, die Kundschaft vom Parade-Theater herüberzuziehen 3. Dabei halfen ihm maßgeblich seine langjährigen Erfahrungen aus der Wanderkinematographenzeit 3.

Trier auf der Leinwand

Eine weitere Besonderheit von Marzens Kinoprogramm waren die exklusiven Lokalaufnahmen aus Trier und seiner Umgebung 3. Filme wie „Stadttheater“, „Leben und Treiben auf dem Viehmarkt“ oder „Kirchgänger“ zeigten vertraute Orte und bekannte Gesichter aus dem Trierer Leben 3. Diese Aufnahmen verwandelten die kommerzielle Vorführung in ein Heimkino-Erlebnis 3. Die lebhafte Beteiligung des Publikums führte dazu, dass das Kino zunehmend seinen Charakter als eigentliches Theater verlor. Die Besucher fühlten sich „mehr wie zu Hause“ und konnten ungeniert ihre Kritik an den Bekannten, Freunden und Feinden äußern 3. Bei dem spontanen Klatschen und Scherzen, welches die Lokalaufnahmen hervorriefen, fühlten sich Marzens Zuschauer ganz in ihrem Element 3.

Auffallend häufig war in den Lokalaufnahmen Peter Marzen zu sehen 2. Damit zeigte er sich bewusst als Aufnahmeleiter, der den Menschen vor und hinter der Kamera Anweisungen erteilte 2. Dadurch entsteht der Eindruck, dass er sich gezielt als Urheber der jeweiligen Aufnahmen präsentieren wollte 2. Durch sein Erscheinen zu Beginn der Aufnahmen erhalten die Trier-Filme seine persönliche Signatur 2.

Der Rechtsstreit zwischen Gitsels und Marzen

Der Wettbewerb zwischen Gitsels und Marzen verschärfte sich zu einem Rechtsstreit. Gitsels verklagte Marzen wegen „unlauteren Wettbewerbs“, da dieser sein Kino als „Theater der lebenden, singenden, sprechenden und musikmachenden Lichtbilder“ präsentiert hatte, ohne über eine Tonbildanlage zu verfügen 5. Nach Gitsels Ansicht täuschte Marzen damit das Publikum. Doch dieser Vorwurf erwies sich als unbegründet: Eine Gruppe von Sachverständigen, die nach Trier gereist war, war von Marzens geschicktem Einsatz des Phonographen derart begeistert, dass sie keine Publikumstäuschung feststellte 5.

Parallel dazu verurteilte das Schöffengericht Marzen 1909 wegen grober Beleidigung Gitsels zu einer Geldstrafe und verpflichtete ihn, das Urteil auf eigene Kosten im „Trierer Volksfreund“ zu veröffentlichen 4. Die gegen dieses Urteil eingelegte Berufung wurde verworfen, da Marzen nicht zum Verhandlungstermin erschien 5.

Langfristig konnte Gitsels nicht gegen Marzens innovatives Geschäftskonzept konkurrieren und 1910 schloss er sein Kino 5. Peter Marzen gelang es hingegen, ab 1916 in Trier mit zwei Kinos eine Monopolstellung zu etablieren und diese während des Ersten Weltkriegs erfolgreich aufrechtzuerhalten 6.

Schließung

Das Central-Theater beziehungsweise das Trierische Lichtspielhaus schloss im Mai 1914 4. Die Schließung war jedoch nicht wirtschaftlich, sondern sicherheitstechnisch begründet, da das Gebäude ein erhebliches Brandrisiko darstellte und daher den Sicherheitsvorschriften nicht entsprechen konnte 4.

Bedeutung für die Trierer Kinokultur

Mit dem Central-Theater unter der Leitung von Peter Marzen entstand eine neue Form der Kinokultur in Trier. Seine innovative Kombination aus technischer Filmvorführung, künstlerischer Filmerklärung und lokalen Aufnahmen schuf eine neuartige Form filmischer Praxis, die das Publikum aktiv in das Filmgeschehen einbezog.

Literaturverzeichnis

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[1]: Der Kinematograph (1908, November). Aus der Praxis - Trier. № 98. S. 22 https://mediahistoryproject.org/reader.php?id=kinematograph02-1908-11 [Zugriff: 02.11.2025].

[2]: Hoppe, K., Loiperdinger, M., & Wollscheid, J. (2000). Trierer Lokalaufnahmen der Filmpioniere Marzen. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Eds.), Lokale Kinogeschichten (KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, S. 14–37). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15939.

[3]: Herzig, M., & Loiperdinger, M. (2000). „Vom Guten das Beste“ – Kinematographenkonkurrenz in Trier. In F. Kessler, S. Lenk & M. Loiperdinger (Hrsg.), Lokale Kinogeschichten (KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, S. 39–40). Stroemfeld/Roter Stern. https://doi.org/10.25969/mediarep/15940.

[4]: Marzen, P. (1933). Aus dem Leben eines rheinischen Filmpioniers: Eine Erinnerungsgabe zum fünfzigsten Geburtstag Peter Marzen und seiner 35jährigen Zugehörigkeit zur Filmindustrie. Saarbrücken: Privatdruck der Biographie Marzens. S. 14-15.

[5]: Braun, B., Jung, U. (2005). Local Films from Trier, Luxembourg and Metz: A Successful Business Venture of the Marzen Family, Cinema Owners. Film History, 17(1). https://doi.org/10.1353/fih.2005.0001.

[6]: Jung, U., Loiperdinger, M. (Hrsg.). (2005). Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co.