Reichshallen-Lichtspiele (Neues Theater)

Öffnungsjahre 1910 – 1974
Adresse Simeonstraße 47
Ort Trier
Betreiber Peter Marzen, später Schneider
Sitzplätze 315, später 700

Von den Reichshallen zum Neues Theater

Die Geschichte des Hauses in der Simeonstraße 47 beginnt mit der Eröffnung der Reichshallen-Lichtspiele im Jahr 1910, einem mittelgroßen Kino mit etwa 315 Plätzen im Zentrum von Trier 5 6 7. In den ersten Jahren orientierte sich das Kino stark am damals dominierenden Nummernprogramm, das aus kurzen Varieté-Darbietungen, älteren Filmproduktionen und einem stark gemischten Programm bestand. Diese Programmform war für die frühe Trierer Kinolandschaft typisch und entsprach der sozialen Struktur der Stadt als nichtindustrieller Handwerker-, Handels- und Beamtenstadt 9. Trotz einzelner erfolgreicher Filmaufführungen reagierten die Reichshallen zunächst zurückhaltend auf den strukturellen Wandel hin zum fiktionalen Langfilm und standen in direkter Konkurrenz zum Central-Theater des Kinopioniers Peter Marzen 9.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verschärften sich die betrieblichen Rahmenbedingungen erheblich. Obwohl das Kino 1914 renoviert wurde, blieb sein programmatischer Schwerpunkt klar auf Unterhaltung und Kontinuität ausgerichtet. Zwar integrierten die Reichshallen eine Kriegswochenschau in ihr Programm, verzichteten jedoch bereits im Sommer 1915 über mehrere Monate vollständig auf solche Berichte und setzten stattdessen weiterhin auf ein möglichst abwechslungsreiches Unterhaltungsangebot. Diese Strategie unterschied sich deutlich von der stark patriotisch und mobilisierend ausgerichteten Programmpolitik des Germania-Lichtspielhauses und verweist auf eigenständige Handlungsspielräume lokaler Kinobetreiber auch unter Kriegsbedingungen 10.

Kriegszeit und struktureller Umbruch

Ein entscheidender Wendepunkt war die Übernahme der Reichshallen durch Peter Marzen am 1. April 1916. Unter seiner Leitung wurden die Reichshallen mit den Germania-Lichtspielen zu den „Vereinigten Lichtspielen Trier“ zusammengeschlossen, wodurch ein faktisches Kinomonopol in der Trierer Innenstadt entstand 8. In dieser Phase tauchen im Handelsregister zwar weitere Namen wie Emil Nordschild und Richard Springer auf, diese Eintragungen sind jedoch zeitlich begrenzt und deuten eher auf kurzfristige Eigentums- oder Verwaltungswechsel hin. Spätestens ab 1916 dominierte Marzens Unternehmen den Kinobetrieb in Trier eindeutig 10.

Zwischen 1921 und der endgültigen Neuorientierung des Hauses vollzog sich schließlich die grundlegende Transformation der Reichshallen. Aufgrund ihres baulich überalterten Zustands bei zugleich zentraler Lage wurden umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen geplant. Bereits im Juni 1921 erschienen regelmäßig Zeitungsanzeigen, in denen öffentlich ein neuer Name für das Kino gesucht wurde; als Prämie wurden 1000 Mark ausgelobt, der Einsendeschluss wurde auf den 20. September 1921 festgelegt 4.

Das Neues Theater als modernes Großkino

Nach einer vollständigen baulichen Umgestaltung eröffnete das Gebäude im November 1921 unter dem neuen Namen „Neues Theater“. Die feierliche Eröffnung fand am 3. November 1921 um 15:15 Uhr statt. Architektonisch wurde das Haus von den Architekten Marx und Gracher neu gestaltet, während der Kölner Theatermaler B. Giffels das Interieur im Stil des Klassizismus ausführte. Zeitgenössische Berichte hoben insbesondere die elegante weiß-graue Farbgestaltung mit goldenen Ornamenten, die moderne indirekte Beleuchtung sowie die hervorragende Akustik hervor 2.Zum Zeitpunkt der Neueröffnung verfügte das Neue Theater über 600 Sitzplätze (450 im Parkett und 150 auf dem Balkon). In den folgenden Jahren wurde die Kapazität weiter ausgebaut, sodass das Haus spätestens 1926 mit rund 700 Plätzen zu den größten und modernsten Kinos der Stadt zählte. Das Neue Theater verstand sich nicht ausschließlich als Filmtheater, sondern auch als Bühnen- und Veranstaltungsort für anspruchsvolle Darbietungen. Der wöchentliche Programmwechsel am Freitag sowie die repräsentative Architektur machten das Haus zu einer kulturellen Sehenswürdigkeit, die auch Touristen ausdrücklich empfohlen wurde. 2 3

Etablierung als kulturelles Zentrum der Stadt

Auch in den 1930er Jahren blieb das Neue Theater ein zentraler Bestandteil des Trierer Kulturlebens. Am 21. September 1937 wurde das Haus unter Theaterleiter Schneider erneut feierlich eröffnet und präsentierte sich weiterhin als kombiniertes Film- und Bühnentheater 1. Im Jahr 1938 war das Neue Theater fest im kulturellen Alltag der Stadt verankert und repräsentierte die fortschrittlichste Form städtischer Unterhaltung, die aus der langfristigen Entwicklung der Reichshallen-Lichtspiele hervorgegangen war.1 4 5

Das Neue Theater war bis in die frühen 1970er-Jahre Teil eines dichten Vergnügungskomplexes an der Ecke Simeon-/Moselstraße, der als eines der lebendigsten Unterhaltungszentren Triers galt. Zu diesem sogenannten „Vergnügungsdorado“ zählten neben dem Neuen Theater das Café Astoria, das Gasthaus Zur Postkutsche, das Kino Metropol sowie der Schieffer-Keller. 11

In den 1970er-Jahren wurden während der groß angelegten Abriss- und Neubauphase in der Simeonstraße, die zu den umfangreichsten Umgestaltungsmaßnahmen der Trierer Innenstadt zählte, nahezu alle diese Einrichtungen beseitigt 12. Allein der mittelalterliche Gewölbekeller des Schieffer-Kellers überdauerte diese Phase und wurde in das 1975 eröffnete Kaufhaus Neckermann integriert, das seit 1978 unter dem Namen Karstadt firmiert 11 12.

Literaturverzeichnis

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[1]: Stadtarchiv Trier. (n.d.). NL Wolf-Heidegger/3 – Stadttheater Trier, Kino, Neues Theater.

[2]: Stadtarchiv Trier. (n.d.). NL Wolf-Heidegger/4 – Stadttheater Trier, Zirkus Gleich, Trierische Liedertafel, Kino, Konzerte, „Neues Theater“.

[3]: Stadtarchiv Trier. (n.d.). AK Hertmanni/Bd. 10 – Altstadt Trier.

[4]: Stadtarchiv Trier. (n.d.). NL Laven/1433 – Zeitungsartikelsammlung über Filmvorführungen in Trier (Neues Theater, Capitol-Theater, Apollo-Theater, Palast-Lichtspiele, Germania-Lichtspiele, Römertor-Lichtspiele).

[5]: Stadtarchiv Trier. (n.d.). NL Wolf-Heidegger/3 – Stadttheater Trier, Kino, Neues Theater; NL Wolf-Heidegger/4 – Stadttheater Trier, Zirkus Gleich, Trierische Liedertafel, Kino, Konzerte, „Neues Theater“.8: Stadtarchiv Trier. (n.d.). Sam/121/9 – Briefkopf: Trierisches Lichtspielhaus, „Inh. u. Besitzer Peter Marzen, Brodstr. 36“.

[6]: Stadtarchiv Trier. (n.d.). Sam/168/2 – Gasthäuser, Hotels, Weinstuben, Cafés und Ausflugslokale.10.

[7]: Die Lichtbild-Bühne. Nr. 32 (1914), S. 69, 160.

[8]: Die Lichtbild-Bühne. Nr. 15 (1916), S. 168.

[9]: Haller, A. (2009). Weibliches Publikum, Programmgestaltung und Rezeptionshaltung im frühen deutschen Kino (1906–1918). Dissertation zur Erlangung des Grades eines Dr. phil., Fachbereich II Medienwissenschaft, Universität Trier.

[10]: Braun, B. (2000). Patriotisches Kino im Krieg. Beobachtungen in der Garnisonsstadt Trier. In: KINtop. Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films, Bd. 9, S. 100–121.

[11]: Autor unbekannt. (2016, 2. Februar). Trierer Handel einst und heute – Konsum statt Schwofen. Trierischer Volksfreund. https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/trierer-handel-einst-und-heute-konsum-statt-schwofen_aid-6103468.

[12]: Autor unbekannt. (2016, 2. Februar). Trierer Handel einst und heute – Konsum statt Schwofen. Trierischer Volksfreund. https://www.volksfreund.de/region/trier-trierer-land/trierer-handel-einst-und-heute-konsum-statt-schwofen_aid-6103468.

Bildlizenzen

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[1]: Quelle: Privatsammlung Schmitt

[2]: Quelle: Privatsammlung Schmitt

[3]: Quelle: Privatsammlung Schmitt

[4]: Quelle: Privatsammlung Schmitt

[5]: Copyright Medienwissenschaft Universität Trier 2000

[6]: Privatfoto: Qingbo Qiao

[7]: Privatfoto: Qingbo Qiao